PROJEKTREPORTAGE

Wasserturm am Park Sanssouci, Potsdam

Wirth Alonso Architekten, Berlin

Auszeit in sorgloser Höhe

  • Autorin: Christina Gräwe
  • Fotos: Luca Girardini, Architekten

Wasserturm ist nicht gleich Wasserturm. Gut, sie erfüllten denselben Zweck, die Lagerung großer Mengen Wasser; die luftige Höhe des Behälters garantierte im Rohrsystem einen gleichmäßigen Druck. In ihrem Erscheinungsbild nehmen diese Turmsonderlinge aber ganz unterschiedliche Gestalt an: vom trutzigen Gemäuer über filigrane Eisenkonstruktionen bis hin zu gigantischen Stecknadeln. Heute haben Wassertürme in ihrer ursprünglichen Funktion meist ausgedient. Nicht aber als beliebtes Potenzial zum Umbau. Die Listen umgenutzter Wassertürme auf einschlägigen Plattformen sind beachtlich; Wohnen, Gastronomie, Galerie, Schule, Kita, Büro oder schlicht Aussichtsturm – der Vielfältigkeit sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Die runde Pendelleuchte erhellt zugleich den Tisch und die gemauerte Kuppel darüber

Bei dem Wasserturm in Potsdam nahe der Bahnstrecke zwischen Sanssouci und Werder handelt es sich mit 22 Metern Höhe und 6 Metern Durchmesser auf der untersten Ebene des Schafts um ein kleines Modell. Seine Geschichte ist wegen der verloren gegangenen Unterlagen nur rudimentär nachvollziehbar: Vermutlich entstand der Bau um 1910 als Versorgungsturm für Dampflokomotiven. Nach deren Ablösung durch Diesel- und Elektroloks stand der Turm etwa seit Anfang der 80er-Jahre leer, bis ihn das deutsch-spanische Architektenpaar Katrin Wirth und Daniel Alonso González wieder zum Leben erweckte. Die Entscheidung für den Kauf des verfallenen Baus musste innerhalb von zwei Tagen fallen: „Wir konnten vorab nicht mit dem Bauamt klären, was machbar ist. Aber das Risiko hat sich gelohnt“, erzählt Katrin Wirth.

Die alte Stahltreppe führt an der Turmwand hinauf.

Der Turm liegt zwischen dem Potsdamer Wildpark und Park Sanssouci, der Schwielowsee ist nicht weit. Diese und andere Ausflugs-Highlights forderten eine touristische Nutzung geradezu heraus. Die Architekten entschieden sich dennoch, das gerettete kleine Turmwärterhäuschen als eigenes Wochenenddomizil und den Turm zur Ferienwohnung auszubauen. Letztere kann seit 2017 von bis zu acht Personen angemietet werden.

Das Gebäude steht nicht unter Denkmal-, aber unter Umgebungsschutz. Verkürzt formuliert bedeutete das, dass außen möglichst alles beim Alten bleiben sollte und die Planer innen freie Hand hatten. Die Substanz hat den langen Leerstand unterschiedlich verkraftet: Die Betonteile, die den Wassertank ummantelten, mussten ersetzt werden. Das neue Kleid aus Trapezlochblechen zeichnet die alten Proportionen nach, lässt die originale Konstruktion durchschimmern und schützt zugleich die außen liegende Wärmedämmung des Turmkopfs. Obenauf haben die Architekten ein neues Flachdach gesetzt, das als Dachterrasse einen 360-Grad-Blick bietet. Während das Mauerwerk in gutem Zustand war, hatten die Stahlteile stark gelitten. Alles wurde sandgestrahlt, die Wände, die gemauerte Kuppeldecke im Erdgeschoss, die originale Wendeltreppe, ihre Brüstungen und vor allem der Wassertank – ein nach dem Ingenieur Otto Intze typisierter Behälter, durch dessen Mittelpunkt ein Zylinder mit Rohrleitungen bis ganz hinunterführte. Zwei Indizien weisen noch auf ihn hin: das kreisrunde Loch zwischen Erdgeschoss und erster Ebene sowie der Treppenausstieg in das Wohnzimmer, das im ehemaligen, nun weiß lackierten Wassertank untergebracht ist. Ein neu eingeschnittenes bodentiefes Fenster lässt einen hier weit in die Parklandschaft blicken.

Die offenen Ebenen ermöglichen vielfältige Blickbeziehungen

Warum Kinder unter sechs Jahren nicht hier einziehen sollen, erschließt sich sofort: Die alte Wendel-, wie die neuen hölzernen Sambatreppen der oberen Ebenen, sind steil und eng. Erstere haben die beiden Planer durch einen pfiffigen Trick komfortabler gestaltet, indem sie die Brüstung abnahmen, vom Schlosser nach außen biegen ließen und damit 70 statt 60 Zentimeter Laufbreite erreichten. Maßgeschneiderte Lösungen sind ohnehin das Programm des Innenausbaus, denn jede Etage hat eine andere Geometrie.

„Wir hatten großes Glück mit den Handwerkern aus der Gegend.“ Und: „Die größte Herausforderung waren die Wände; sie sind zugleich rund und schräg. Wir mussten von Anfang an alles dreidimensional planen“, erläutert Katrin Wirth.

Wirth Alonso Architekten

„Wir hatten großes Glück mit den
Handwerkern aus der Gegend.“

Blick aus dem Wildpark auf den Wasserturm

Die alte Treppe schlängelt sich um zwei neu eingezogene Ebenen – leichte Holzkonstruktionen – die den früher acht Meter hohen Raum oberhalb der heutigen Küche im Erdgeschoss in drei Schlafzimmer verwandeln. Sie sind mit Doppelbetten und perfekt eingepassten Bädern ausgestattet. Das selbst entworfene Mobiliar und die Trockenbauwände sind wie alle neuen Einbauten in Weiß gehalten. Die vorhandenen Schlitzfenster wurden durch größere ergänzt, um die Belichtung zu verbessern und Fluchtwege zu garantieren. Zwischen die Schlafebenen und den Wohnzimmertank schiebt sich ein weiterer Raum, der als winziges Museum mit Fotografien und originalen Fundstücken eine Hommage an die Geschichte des Turms darstellt. Und beim Verlassen des Turms findet sich ein weiteres Relikt: Fächerförmige Gitter formen den Weg zur Sitzgruppe neben dem Turm; sie umrundeten ursprünglich als Wartungsgang den Wasserbehälter.

„Die größte Herausforderung waren die Wände; sie sind zugleich rund und schräg. Wir mussten von Anfang an alles dreidimensional planen.“

Neu trifft Alt: klare Formen in passgenauer Geometrie

Auszeit in sorgloser Höhe

Wirth Alonso Architekten, Berlin

Wirth Alonso Architekten,
Belziger Straße 35a, 10823 Berlin

https://www.wirth-alonso.de/

Wirth Alonso Architekten besteht aus dem deutsch-spanischen Architektenpaar Katrin Wirth, Mitglied der Architektenkammer Berlin, und Daniel Alonso González, Mitglied der Architektenkammer Madrid.

Projekte (Auswahl)

2017 Wasserturm am Park Sanssouci
2016 Turmwärterhäuschen in Potsdam

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